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Kaffeewissen Kaffee-Bibliothek - Auflage 2004 7. Von Roh- zu Röst- und löslichem Kaffee 7.1. Rohkaffee-Einkauf des Rösters

7.1. Rohkaffee-Einkauf des Rösters

Über den Kaffeehandel bestehen oft noch seltsame Vorstellungen: Zum Beispiel, dass der Kaffee-Einkäufer einer Rösterei in die Produktionsländer fährt und dort vor Ort die besten Bohnen für den deutschen Verbraucher aussucht. Oder dass an den Kaffeebörsen in New York oder London ganze Ernten aufgekauft werden, um damit Marktpreise zu diktieren, und dass schließlich von Großröstereien der ganze Kaffee in einem Schwung verarbeitet wird. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Der Direkteinkauf von großen Kaffeeröstereien ist selten und wenn er stattfindet, dann ist normalerweise ein Rohkaffeeagent zwischen Produktionsland-Exporteur und verarbeitendem Unternehmen geschaltet, der den Kaffee im Namen des Rösters kauft und für die Abwicklung, also für den Transport und die Versicherung bis hin zur Rösterei, sorgt. Dafür erhält er eine Kommission.


7.1.1. Kauf vom Rohkaffeehandel

In der Regel kaufen kleine und große Kaffee verarbeitende Betriebe ihren Rohkaffee beim Importeur, der ihnen täglich eine große Angebotspalette aus vielen Kaffee produzierenden Ländern anbieten kann. Aus diesen Angeboten stellt sich der Einkäufer seine Mischungen zusammen. Er wechselt aber auch bei einem fest umrissenen Sortengeschmack seine Bezugsquellen. Eine Röstkaffeemischung besteht normalerweise aus fünf bis zehn verschiedenen Rohkaffeeprovenienzen, die zusammen ein stets gleich bleibendes Geschmacksbild und eine kontinuierliche Qualität ergeben sollen. Aufgrund natürlicher Bedingungen, wie unterschiedliche Erntequalitäten, begrenzte Erntezeiten und Angebotsmengen sowie der  täglich schwankenden Preise, muss die Mischung oft geändert werden. Auch die Kostenkalkulation hat zu stimmen. Daher ist es für den Einkäufer im Röstbetrieb äußerst wichtig, dass er die Möglichkeit hat, jederzeit aus einem breiten Angebot zu wählen.

Foto: Werkzeug fuer Probenentnahme
Werkzeug für Probenentnahme
Foto: Sichtkontrolle
Sichtkontrolle

Foto: Rohkaffeepruefer im Ursprung
Rohkaffeeprüfer im Ursprung

Will er Kaffee kaufen, wendet er sich an den Importeur und fragt nach dem Tagespreis der benötigten Sorte. Hat der Käufer Interesse, gibt er unter Angabe des Liefertermins, der genauen Qualitätsbeschreibung - meist sind es klar definierte Standardqualitäten je nach Produktionsland - und natürlich der benötigten Menge in Sack ein Gebot ab. Der Importeur wird dann überprüfen, ob er diesen Kaffee - sollte er ihn nicht in seinem Bestand haben - entweder vom Ursprung oder auch von anderen Händlern kaufen kann. In der Regel wird er dann eine entsprechend höhere Gegenofferte machen, die natürlich seine Kosten abdecken muss und einen Gewinn beinhaltet.


7.1.2. Differentialgeschäft

Früher war es so, dass die Preise in Dollar per 50 kg ausgedrückt wurden. Heute ist durch die Kaffeebörse und ihre sich laufend der Weltmarktsituation anpassenden Preisnotierungen das Geschäft anders geworden. Verhandelt wird heutzutage meistens über ein Differential zum aktuellen Börsenkurs. Gegenüber den an den Terminbörsen gehandelten Basisqualitäten hat jeder Kaffee bestimmte Auf- oder Abschläge, die sich aus der qualitativen Abweichung im Vergleich zum Standard ergeben. Zwischen dem Importeur und dem einkaufenden Röster wird nur noch dieses Differential zum Verhandlungsgegenstand gemacht. Das gleiche gilt auch für das entsprechende Geschäft im Ursprung, wenn der Importeur seine Ware einkauft. Das Differential und der Endpreis werden heute in US-cts/lb ausgedrückt. 1 „lb” entspricht dem englischen Pfund (etwa 454 g).

Es ist durchaus üblich, dass Rohkaffee an einen Röster verkauft wird, den der Importeur noch gar nicht besitzt. Das bedeutet, dass der Importeur sich spätestens zum Liefertermin, der bei Abladungskontrakten oft einige Monate später sein kann, den Kaffee beschaffen muss. Ein weiterer Aspekt des Differentialgeschäftes ist, dass der einkaufende Röster die Möglichkeit hat, erst später, unter Beachtung der täglichen Börsenbewegung, seinen Kontrakt zu „fixieren”. Er gibt dann an den Importeur die Mitteilung, dass er nun seinen Kontrakt fixieren will. Damit liegt der effektive Verkaufspreis fest, der dem fixierten Börsenwert plus oder minus dem vereinbarten Differential entspricht.

Zur Preisabsicherung macht der Importeur gleichzeitig ein entsprechendes Gegengeschäft an der Börse, womit er in einer „Hedge-Operation” jedes weitere Preisrisiko ausschaltet. Das gleiche geschieht im Verhältnis zwischen Importeur und Ursprungsland, wo allerdings der Exporteur eines Kaffeeproduktionslandes die Verpflichtung hat, dem kaufenden Importeur mitzuteilen, wann ein geschlossener Kontrakt mit einem Börsenpreis fixiert werden soll. Auch hier tätigt dann der Importeur ein preisschützendes Börsengeschäft, indem er die Börse verkauft und damit das Preisrisiko glattstellt.

Dazu ein vereinfachtes Beispiel aus der Sicht des Importeurs: Er verkauft 1.000 Sack Guatemala-Kaffee, die er noch nicht besitzt, zu 80 US-cts/lb an einen Röster. Zur Absicherung des Marktrisikos macht  der Importeur ein Gegengeschäft und kauft 1.000 Sack zu 60 cts/lb an der Börse (Hedge). Aus verschiedenen Gründen steigt der Börsenpreis in der Folgezeit stark an und erreicht 75 cts/lb. Da der Importeur den Kaffee zuerst verkauft hat, sollte er Geld verlieren. Dem ist aber nicht so, obwohl auch die physische Ware teurer geworden ist, und er jetzt 1.000 Sack Guatemala-Kaffee zu 90 cts/lb eindecken muss und somit auf dieser Seite der Operation einen Verlust von 10 cts/lb erleidet. Dieser Verlust wird allerdings durch den Verkauf der Börsenposition mit 75 cts/lb kompensiert mit einem Gewinn von 15 cts/lb. Die gesamte Operation ergibt dann einen Nettogewinn von 5 cts/lb.

Nach wie vor werden auch Geschäfte getätigt, bei denen der gesamte Verkaufs- oder Einkaufspreis gleich festlegt wird. Die Rede ist dann von „Outright”-Geschäften. Heute werden mit dem Ursprung je nach Land 60 bis 70 % aller Kontrakte im Differential gehandelt. Im Geschäft zwischen Importeur und Röster sind es ca. 80 %.


7.1.3. Vendor Managed Inventory

Das „Vendor Managed Inventory-Prinzip” (VMI) findet zunehmend Anwendung zwischen großen Importeuren und großen Röstern. Wörtlich übersetzt heißt VMI „vom Verkäufer bewirtschaftetes Lager”. In der Praxis ist darunter zu verstehen, dass nicht mehr die Röster selber ihren Rohkaffeebedarf beim Importeur abrufen, sondern der Importeur als zusätzliche Dienstleistung für den Röster den Kaffee in seiner Menge und qualitativen Zusammensetzung zu genau dem Zeitpunkt ausliefert, wie ihn der Röster benötigt, um einen optimalen Produktionsprozess zu garantieren. Damit der reibungslose Ablauf bis hin zum Endverbraucher gewährleistet ist, muss der Importeur die Bedürfnisse seines Rösterkunden genau kennen, was einen sehr hohen Informationsaustausch voraussetzt.


7.1.4. Elektronischer Handel mit Kaffee

Bereits Ende der 90er Jahre boten diverse Internet-Provider eine Plattform für den elektronischen Handel mit Kaffee an. Doch einerseits war die Kaffee-Industrie noch nicht wirklich bereit für diese Art von Handel, und andererseits waren die Angebote der Provider nicht anwenderfreundlich. Da sich alle Marktteilnehmer eine Preismaximierung, verbesserten Marktzugang  und weniger Papier-Arbeit vom elektronischen Kaffee-Handel versprochen haben, wurde und wird an komfortablen Systemen gearbeitet.

Voraussetzung für den elektronischen Handel mit Kaffee sind genügend Marktteilnehmer und für alle verbindliche Standards. Inzwischen werden in London die gesamten Börsenoperationen elektronisch abgewickelt, während in New York, Tokio und Sao Paulo nach wie vor konventionell das Out-cry-System Anwendung findet.

Außerdem finden bereits Kaffee-Auktionen über das Internet statt. Unter dem Begriff „Traditional auctions” versteht man Internet-Auktionen für Spezialitäten- und Gourmet-Kaffees. Sie finden immer mehr Anhänger. Diese Auktionen werden von den Verkäufern organisiert und ihr Ziel ist, den höchstmöglichen Preis zu erzielen. Die erste Auktion wurde im Dezember 1999 erfolgreich für Spezialitäten-Kaffee aus Brasilien durchgeführt.

Die „Reverse auctions” werden von einzelnen großen Röstern angewandt, die große Mengen „Mainstream”-Kaffee benötigen. Zertifizierte Ablader in den Ursprungsländern oder große Importeure geben für eine bestimmte Qualität ihre Preise auf, und der Röster kauft zum tiefstmöglichen Preis ein. Zur Zeit werden ca. 4 Millionen Sack Rohkaffee über die „Reverse auctions” gehandelt, was einen Anteil von 3,6 % der gesamten Menge ausmacht.

Nach wie vor wird im traditionellen Kaffeehandel zwischen Ursprungs- und Konsumland eine Vielzahl von Papier-Dokumenten, wie z.B. Kontrakte, Lieferscheine, Konnossemente, engl. auch Bill of Ladings (Verschiffungsdokument, das die Ware und ihren Wert repräsentiert), benötigt. Eine Vereinfachung und Eindämmung dieser Papierflut soll mit dem „Bolero-System” erfolgen, das bereits im weltweiten Metall- und Mineralhandel erfolgreich angewandt wird. Es laufen zur Zeit Tests, ob sich das System für Kaffee eignet. Basierend auf der Idee, dass das Bill of Lading (B/L) elektronisch erstellt und versandt wird, kann sich die Zeit, die für den Dokumentenfluss aufgebracht werden muss, um wenigstens vier Tage verkürzen, je nach Komplexität des Geschäftes.


 

 
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